Bei REDE.online geht es um regionale Vielfalt und darum, wie geographische Räume das Leben in Deutschland prägen. Wir glauben, dass das Umfeld in dem Menschen leben, einen signifikanten Einfluss auf sie hat, deswegen wollen wir interregionalen Dialog fördern. Da wir die Notwendigkeit auf alle Regionen in Deutschland beziehen, schließt es auch den Ost-West Dialog mit ein. Die Beziehung zwischen diesen beiden Regionen ist eine besondere, maßgeblich geprägt durch die Gründung der DDR, den Mauerbau und die daraus resultierende “Deutsch-Deutsche Geschichte”. Auch im Jahr 2019 sind die Unterschiede zwischen Ost und West noch präsent/allgegenwärtig, die diese Regionen prägen, seien es die Wirtschaftsleistung, die Religiosität oder schlicht andere Parteipräferenzen der Wähler*innen – es bleibt offensichtlich, dass es Unterschiede zwischen den Regionen gibt. Nichtsdestotrotz darf man auch nicht vernachlässigen, wie stark sich die Lebensrealitäten in Ost und West in den letzten Jahren angenähert haben.

Die dargestellten Unterschiede erklären vermutlich, dass der Präsident der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter, die Forderung nach einem Ost-West Schüleraustausch formulierte - mit dem Ziel den innerdeutschen Dialog zu fördern. Die Reaktion der Ostbeauftragten der Bundesregierung Doris Gleicke viel ablehnend aus; der Schüleraustausch sei nicht relevant, da Schüler*innen nicht in Ost-West Kategorien denken würden und durch das Suchen nach Unterschiedenen diese nur betont werden würden. Ich selbst habe an verschiedenen Austauschprogrammen teilgenommen und empfinde diese Erfahrungen in der Rückschau als eine große Bereicherung. So habe ich eine positive Meinung über Austauschprogramme: sie fördern das Sprachverständnis, ermöglichen neue Perspektiven und führen im idealen Fall zu bleibenden Freundschaften.

Auch ich habe mir die Frage gestellt, ob ein Ost-West Schüleraustausch in Deutschland im Jahr 2019 noch Relevanz hat. Provokativ könnte man auch fragen ob es überhaupt genug Unterschiede gibt, schiede, damit sich ein solcher Austausch lohnt? Wenn man nun eine Liste mit Ansprüchen an einen internationalen Austausch formuliert und diese mit dem innerdeutschen Austausch vergleicht, könnte man resigniert zu der Einstellung kommen, dass der Austausch wenig Relevanz besitzt. Die Schüler*innen ähneln sich stark und es gibt keine großen sprachlichen und kulturellen Differenzen. Denkt man hingegen den Ost-West Austausch nicht als kompetitive Alternative zu bestehenden internationalen Austausch-Formaten, ergibt sich ein anderes Bild. Ein mögliches Argument wäre es, den Austausch um des Austausch willes zu betreiben. Ein Austausch ermöglicht es Schüler*innen, die Perspektive zu wechseln, neue Menschen und neue Regionen kennen zu lernen, kurz: sich in einem neuen Umfeld zurecht zu finden. Diese Erfahrungen können für Schüler*innen sehr prägend sein, ganz gleich ob sie am Ende viele Gemeinsamkeiten finden oder nicht, sie haben eine besondere Erfahrung erleben dürfen. Außerdem wäre ein Ost-West Austausch wahrscheinlich mit vergleichsweise wenig Aufwand organisierbar und könnte so als eine erste wertvolle Erfahrung dienen, die auch weitere potenzielle internationale Austausch-Teilnahmen einfacher macht. Zu diesen allgemeinen Argumenten für Schüleraustausche kommen meiner Meinung nach noch spezifische Argumente für einen Ost-West Austausch hinzu. Auch wenn sich das Leben von Jugendlichen in Deutschland in den letzten Jahren immer mehr angepasst hat, sind sie durch den geographischen Raum beeinflusst. Die Straßen von Leipzig erzählen nunmal eine andere Geschichte als die von Stuttgart. Und so habe ich z.B. niemanden in meiner Familie, der mir erzählen kann, wie es sich denn angefühlt hat, in der DDR zu leben oder wie die deutsche Wiedervereinigung aus ostdeutscher Perspektive wahrgenommen wurde.

Ein weiteres Beispiel, andem ich persönlich die verschiedenen Prägungen zwischen Ost- und Westdeutschland wahrgenommen habe, ist die Bildungsdiskussion um G8 und G9 des Gymnasiums. Während in den meisten westdeutschen Bundesländern G9 vorherrschend war, war mir lange nicht bewusst, dass G8 in verschiedenen ostdeutschen Bundesländern schon lange eine etablierte Schulform ist. Hier hat mir in der Debatte die Stimme dieser Länder gefehlt. Vielleicht hätte ich die Debatte um dieses Thema anders wahrgenommen, wenn ich an einem Schüleraustausch nach Ostdeutschland teilgenommen hätte, und erlebt hätte, wie weiterführende Schulen in einem der neuen Bundesländern praktiziert wird. Die Kritik, dass man mit allen geäußerten Argumenten genauso gut einen Schüleraustausch zwischen Stadt und Land, Süd- und Norddeutschland oder anderen Regionen in Deutschland fordern könnte, ist legitim - sie ergibt sich aus der Tatsache das geographische Unterschiede heute noch relevant sind und die Lebensrealitäten von Menschen beeinflussen. Diese Kritik sollte sich allerdings nicht gegen einen Ost-West Austausch richten, vielmehr zeigt sie auf, dass auch andere deutsch-deutsche Austauschformate gedacht werden können. Ich wünsche mir, dass viele Schüler*innen das Privileg haben werden, sich in ihrer Schulzeit auf den Weg zu machen, neue Erfahrungen zu sammeln und vielleicht auch neue Freund*innen zu finden. Ich denke, dass ein Ost-West Austausch hierzu einen zentralen ersten Schritt liefern kann.

Johannes Wahl

Johannes beschäftigt sich viel mit Geld. Bei uns, aber auch offiziell.