Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.

dieses Zitat von Alexander von Humboldt las ich letztens in der mobil. Die mobil, das ist die Zeitschrift der Bahn, die immer in den Fernzügen dieser Republik rumfliegt. Ja, die lese ich. Die mobil ist meine Variante der Gala beim Friseurbesuch oder der Bild im Strandurlaub. Einmal zwischendurch den Kopf durchlüften und befreit durchblättern. Dazu spricht mich natürlich auch der Titel an, schließlich bin ich das ja auch, mobil. Denn ich fahre viel Bahn. So viel, dass mir auffällt, wenn eine neue Ausgabe der mobil erschienen ist. Start meiner Lektüre ist immer das Interview auf der letzten Seite, auf der ein Promi vor der Abfahrt an seinem Startbahnhof interviewt wird und nach einer unbequemen Frage meist zugibt, inzwischen ja doch lieber 1. Klasse zu fahren, weil man sich da besser auf die nächste Rolle vorbereiten kann oder man beim Bahnfahren dann doch lieber unter sich ist.

Ich echauffiere mich in diesen Momenten also über Promis, die vor einer bescheidenen Öffentlichkeit zugeben, dass sie beim Reisen doch lieber für sich bleiben und dafür entsprechend mehr Geld zu zahlen bereit sind. Während ich das tue, sitze ich im ICE, meist im Ruheabteil, und bleibe beim Reisen doch lieber für mich. Für diese geschmeidige Art in Deutschland von A nach B zu kommen (verglichen mit Fernbussen und Mitfahrgelegenheiten), bin ich bereit, dementsprechend mehr Geld zu zahlen. Ich mache mich also über einen Komfort-durch-Isolation-Mechanismus lustig, an dem ich selbst teilnehme.

Das wäre verkraftbar, läge dahinter nicht ein politisches Problem. Denn dem Milieu, dem ich mich zugehörig fühle, sagt man nach, zur mobilen Elite zu gehören; das sind Kosmopolit*innen, die Heimatverbundenheit nur noch peripher nötig haben, solange WLAN und der nächste Soja-Cappuccino nicht weit entfernt sind. Die Frage ist nur, welche Art der Begegnung dieses Milieu erfährt, welche Erfahrung des ‚Sich-auf-die-Reise-Machens‘ in dieser Mobilität steckt.

Nehmen wir das Zitat dazu: Instinktiv gibt mir die Lektüre Rückenwind für meinen eigenen Lebensstil. „Siehste Welt, ich kämpfe für den good cause; ich bin nicht eindeutig verwurzelt, lebe liberale Werte und Weltoffenheit vor und ich wehre mich gegen verhärtete Fronten der Weltanschauung! Und jetzt auf in den Kampf gegen die Extremisten, die das Leid der Welt ausblenden, komplexe Wahrheiten verdrehen und nicht über den eigenen, beschränkten Tellerrand hinausschauen wollen!“

Doch ich finde meinen Instinkt überheblich. Viele externe Faktoren bedingen die Mobilität meiner Lebenssituation bestimmend. Ich bin als weißer Mann im Schengen-Raum geboren und muss keine Grenzkontrollen, keinen strukturellen Rassismus und keine sexuellen nächtlichen Übergriffe auf Reisen fürchten. Ich kann ein geisteswissenschaftliches Studium selbstbestimmt (will sagen: zeitlich zunächst unbefristet) gestalten, ohne Familienangehörige zu pflegen oder signifikante Teile meines Lebensunterhalts selbst dazu verdienen zu müssen. Ich kann mir eine örtliche Ungebundenheit und Unbestimmbarkeit leisten, weil kein Dialekt, kein Arbeitgeber, keine Familiensituation, keine Wohnlage mich zwangsläufig bindet. Der Umkehrschluss dieser Freiheiten ist für mich fast schon ein Übermaß an Mobilität – nicht nur örtlich, auch mental und sozial, dadurch auch kulturell. Wie es sich für andere Menschen anfühlt, mobil zu sein und was es für sie heißt, sich auf die Reise zu machen und die Welt anzuschauen - das weiß ich nicht genau.

Dazu frage ich mich, welche Art von Mobilität wohl Humboldt im Sinne hatte, als er seinen Satz formulierte. Welche Art des Weltanschauens, bzw. der ausbleibenden Weltanschauung schwebte ihm vor? Mit welchem Bild von Mobilität kann ich das Zitat passend denken? Um die externen Faktoren so gut es geht auszublenden, ist Mobilität vielleicht in erster Linie eine innere Einstellung. Eine Bereitschaft, zu neuen Ufern aufzubrechen, etwas Neues, Unvorhergesehenes zu ergründen und zu entdecken – das kann eine Pauschalreise sein, aber auch ein Historienroman, ein Familientreffen, ein Konzertbesuch oder ein Besuch beim Nachbarn, dessen Namen man immer noch nicht kennt. Um mobil zu sein gebe ich nicht auf, was ich habe und was mich ausmacht – aber ich bin bereit, damit aufzubrechen und auf etwas Unbekanntes zuzugehen. Menschen, die die Welt nicht anschauen, wären dementsprechend Leute, die dazu nicht bereit sind. Woran das aber liegen kann, ist wieder einen eigenen Blogbeitrag wert.

In den von REDE.online ermöglichten Gesprächen machen sich zwei Menschen hoffentlich gleichberechtigt und ähnlich motiviert auf die Reise, das Gegenüber kennenzulernen. Deswegen darf ruhig jede/r dort anfangen, wo sie oder er sich am besten auskennt: bei sich selbst. Im Teilen und Erzählen der eigenen Situation liegt ein Aufbruch zur Begegnung. Eine Bewegung, die man sich nicht leisten können muss, sondern die synchron verläuft: ich erzähle Dir, wie meine Stufe aussieht, von der ich jetzt einen Schritt auf Dich zu gehe. Wollen wir uns begegnen?

Janne Linder

Janne ist ein Wahlkreiswanderer.