Facebook, dieser Name wird im Oxford Dictionary of English einzig mit dem sozialen Netzwerk verknüpft ist, ist allerdings keine völlige Wortneuschöpfung. Der Begriff des Gesichterbuchs war schon zuvor geläufig: Für Gruppen, die sich noch nicht lange kennen und die sich kennenlernen sollten; ein Album mit Fotos von allen Menschen, die einen umgeben. Die Möglichkeiten und Begrenzungen dieser Form zieht sich bis heute durch Facebook. Welche das sind, das erzählt dieser Blogbeitrag anlässlich eines Besuchs bei Facebook AI Research (FAIR).

Facebook als Abbild sozialer Beziehungen

Ein Buch voll Fotos hilft mir, Kontakte aus dem realen Leben auch im Internet zu pflegen, bringt jedoch keine neuen ein. Das sieht man sicherlich darin, wie am Ende einer Veranstaltung voll Fremder (in einem bestimmten Alter) Facebook-Kontakte ausgetauscht werden. Eine Möglichkeit der Archivierung, die häufig mehr Karteileichen auf dem eh schon hohen Berg aller Facebook-Freunde schafft. Facebook kann nicht leisten, echt neue, digital entstandene Freundschaften zu schaffen - das möchte es aber auch gar nicht.

Denn Facebook ist ein Abbild echter sozialer Verbindungen, jedoch ohne Abstufungen. Das dafür geeignete Feature der “Freundesgrupppen”, etwa Facebook-Freunde als “Enge Freunde” zu benennen, wird kaum genutzt, und das wesentlich fortgeschrittenere (in dieser Hinsicht) Google+, welches mit “Kreisen” genaue Abstufungen darin ermöglichte, wie gut Menschen Menschen kennen, fiel bei Nutzer*innen grandios durch. Facebook ist zwar nicht so ausdifferenziert, bildet die Fülle an sozialen Interaktionen in der echten Welt aber mehr oder weniger gut ab.

Facebook-Kommunikation als stete Wieder-Entdeckung

Wenn Facebook mich wieder auffordert, einer Person zuzuwinken, also mich zu Interaktion bringen möchte, dann ist es immer ein Wiederentdecken. Irgendwann habe ich diese Person bei einer Veranstaltung, einer Hausparty oder einem anderen Treffen hinzugefügt. Jetzt bin ich wieder einmal im Newsfeed versunken und entdecke eine Benachrichtigung von ihr. Wirklich kennen wir uns zwar nicht, getroffen haben wir uns aber bereits. Das ist eine große Stärke, aber auch eine große Einschränkung davon, was Facebook leisten kann: Mein Netzwerk schwacher Kontakte wächst durch echtweltliche Kontakte, aber kann nur ein Abbild dessen sein, was mir in der “Realität” bereits passiert ist – und ein schwaches. Facebook kann eine Dachterrasse sein, die mich in immer mehr Vorgärten und Fenster blicken lässt. Eine Einladung zum Kaffee verschafft es mir aber selten. Facebook kann in sich kein Gesprächsanlass sein, sondern nur Wiederentdeckung oft schwacher Bande in der realen Welt.

Darauf setzt Facebook mit seinem Newsfeed: Inhalte von Personen, die ich weniger kenne, werden vom automatischen Kurator hinter dem Feed an mich vermarktet, Facebook und seine Werbetreibenden sind nur Beiwerk. Inhalte ganz Fremder wären ohne einen Anlass, in Kontakt zu treten, sehr eigenartig. Facebook hilft mir beim Wiederentdecken, setzt mich dem echt Fremden aber nicht aus.

Wie wäre es mit einem Anlass?

Menschen sind nicht mehr echt fremd, wenn sie miteinander ins Gespräch kommen über einen gemeinsamen Belang, über Fragen, die sie beide etwas angehen (siehe hierzu auch unseren Blogbeitrag zu “Hosting”). Dann können Menschen das Gegenüber als ein Subjekt mit eigener Meinung, einenen Interessen und als Gesprächspartner*in wahrnehmen, die etwas beisteuert

Solche Gesprächsanlässe bieten Programme wie Deutschland spricht bereits. Der Ablauf, einen Fragebogen zu seinen politischen Ansichten auszufüllen zeigt die politische Dimension eines Gespräch mit einem oder einer Andersdenkende*n und schafft so einen Gesprächsanlass, der die Fremde zu überwinden ermöglicht.

Solche Gesprächsanlässe will auch Rede schaffen, um neue Kontakte zu ermöglichen, die in der realen Welt vielleicht nicht entstanden wären.

Was arbeitet FAIR hierzu?

Am Anfang habe ich einen kleinen Cliffhanger gebracht: Facebook Research arbeitet (relativ frei) an Fragen, die im Umfeld des Wiederentdeckens schwacher echtweltlicher Kontakte stehen: Wie kann ich mir besserTexte übersetzen lassen, die in einer Sprache, die ich nicht (gut) beherrsche, gepostet wurden, auch wenn die Sprachkombination fast keine übersetzten Texte haben (wer übersetzt mir Farsi nach Kisuaheli?). Oder auch die Frage danach, wie Text und Handlung/Bild zusammenhängt – anhand des Spiels Minecraft. Allgemein wenig in die Richtung, das Grundprinzip von Facebook zu verändern. Das Gesichterbuch hat sich aber auch mit seinen Beschränkungen sehr erfolgreich gezeigt.