In Bezug auf einen Text von Janne Linder, der die Forderung formulierte, „Make Political Articulation Local again!“ möchte ich heute ein paar Gedanken über den Aspekt des Wohnortes mit euch teilen. Ich komme aus einer kleinen Ortschaft in Nordhessen, offiziell eine kleine Stadt (ca. 1000 Einwohner), aber man könnte natürlich auch von einem großen Dorf sprechen, denn die Stadt besteht aus mehreren kleinen Dörfern, die bis heute auch nicht als eine Einheit wahrgenommen werden. Aber eins ist sicher: die Ortschaft befindet sich auf dem Land.

In Deutschland leben ca. 15% der Menschen in einer Gemeinde mit weniger als 5000 Einwohner*innen, (zu denen ich gehöre), während hingegen ca. 30% der Menschen in Städten leben, die mehr als 100 000 Einwohner*innen haben. Auf die Frage, wo ich herkomme, ergab sich oft interessante Unterhaltungen. Mein Gegenüber kannte natürlich meistens die Gegend nicht, und so mussten wir uns damit begnügen, dass ich die beiden nächstgrößeren Städte nannte. Beide liegen ca. 45 Autominuten weit weg. Meistens konnte ich dann mithilfe dieser Städte eingeordnet oder lokalisiert werden. Eigentlich, wie ich finde, recht überraschend. So ist doch das Leben in den beiden Städten sehr anders als das in meiner kleinen Ortschaft, denn die geografische Nähe sagt recht wenig über die Lebensrealität in dem Ort aus. Nun kann man natürlich sagen, dass allein die Tatsache der geografischen Verortung innerhalb Deutschlands eine Aussage beinhaltet, vor allem, wenn man sich gerade in einem anderen Teil von Deutschland befindet. Trotzdem war es für mich immer überraschend, wie selten ich gefragt wurde, wie es eigentlich in meinem Ort ist oder wie es für mich war, auf dem Land aufzuwachsen. Diese Fragen blieben meistens aus, obwohl ich den Eindruck hatte, dass vielen Menschen die Welt auf dem Land doch recht fremd waren.

Wieso scheint also die Lebensrealität der Menschen oder in dem spezifischen Fall, meine Lebensrealität, nicht so relevant zu sein? Vielleicht ist die Frage nach der nächstgrößeren Stadt einfach eine Form von Small Talk und vielleicht auch eine Form von Komplexitätsreduzierung und damit vollkommen legitim. Man kann nun mal nicht immer aller Komplexität gerecht werden. Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen einfachem Schwarz-Weiß-Denken. Die eine Person kommt aufgrund von speziellen Merkmalen in die eine Schublade, eine Person mit anderen entsprechend in die andere. Auch bei geografischen Räumen gibt es dieses Muster und schnell kann viel darein interpretiert werden, in diesem oder jenem Stadtteil zu leben oder eben das man auf dem Land aufgewachsen ist. Sicher gibt es verschiedene Charakteristiken, die man im Durchschnitt vielleicht richtig erraten könnte, manchmal bleiben aber auch durch diese Vereinfachung Nachfragen im Gespräch aus, die zu mehr Verständnis des Gegenübers hätten führen können.

Ich selbst habe das in Johannesburg zu spüren bekommen, wo ich durch meinen Freiwilligendienst nach meinem Abitur ein Jahr in einem stigmatisierten Problemviertel gelebt habe. Bei nahezu jeder Unterhaltung musste ich mich rechtfertigend erklären, wieso ich dort lebe. Hingegen wurde ich fast nie gefragt, wie es war(ist), in diesem Stadtteil zu leben, wie also meine Lebensrealität tatsächlich ist. Offenbar passten Bild und Wohnort nicht in gängige Muster und Vorurteile, die diesem Stadtteil anhafteten und so kam es zu Verwirrung.

Damit politische Forderungen lokal geprägt und lokal erarbeitet werden können, ist es eine notwendige Bedingung, dass die Stimme der Menschen aus verschiedenen geografischen Räumen Gehör finden, damit lokalspezifische Probleme und Themen berücksichtigt werden. Somit scheint es notwendig verschiedene Lebensrealitäten der Menschen zu kennen und nachvollziehen zu können. Weil eben eine Kleinstadt anders ist als eine Großstadt und es manchmal doch überraschende Gemeinsamkeiten gibt. Es scheint aber, dass dieses Unterfangen – Berücksichtigung geografischer Besonderheiten – nicht oder zumindest nicht ausreichend realisiert wird. Unsere politischen Entscheidungsträger*innen müssen viele Anforderungen gerecht werden. Unter anderem geografische Räume zu repräsentieren. Und eben in genau diesem Bereich kommt mir die Frage auf, ob unsere Entscheidungsträger*innen repräsentativ gemäß der Vielfalt an unterschiedlichen geografischen Räumen sind. Oft habe ich den Eindruck gehabt es fehlt dem Ländlichen Raum genau hier an ausreichender Repräsentation.

Zusätzlich zu der Notwendigkeit für die Artikulation politischer Aspekte, scheint es aber für ein gegenseitiges Verständnis in einer Gesellschaft relevant zu sein, dass Menschen auch die Lebensrealitäten ihrer Mitbürger*innen kennen. Denn zum Verständnis gehört auch der Ort, das um-sich-herum, das Setting. Einfach formuliert könnte daraus die Frage folgen: Wie lebt es sich eigentlich dort, wo du bist?

Auch wenn ich an dieser Stelle keine Patentlösung für die vielen Probleme haben, manchmal kann eine einfache Frage ein guter Anfang sein: Wo bist du eigentlich aufgewachsen, und wie hat dich diese Umgebung dich geprägt? Dann geben wir der Forderung Make political articulation local again neuen Auftrieb und der Diskurs kriegt eine neue Fundierung.

Johannes Wahl

Johannes beschäftigt sich viel mit Geld. Bei uns, aber auch offiziell.