Es ist recht schwer, einen Text über das Bedürfnis nach Dialog und Austausch zu schreiben, ohne auf vielverwendete Phrasen aktueller Debatten zurückzugreifen. Ich lehne Konzepte wie „Echokammern“ und „Filterblasen“ darüber hinaus ab, weil sie zwar als Bild funktionieren, real-digital aber stets durchlässig sind und analog ähnliche Phänomene existieren. Nennt sich wahlweise Milieu, Stadtteil oder Leser*innenschaft. Außerdem ist man selbst schuld, wenn man Twitter benutzt und es für die echte Welt hält.

Die reale Welt (für diese Abhandlung konkreter: die deutsche Gesellschaft) kann sich mir auf verschiedenste Weise erschließen. Meine Sicht und meine Beziehung zu ihr hängen von meinen Verflechtungen und Beziehungen zu anderen Menschen ab – in den Sozialwissenschaften nennt man das die soziale Position, die ein Subjekt innehat. Soziale Positionen (oder auch Rollen) ergeben sich aus der Sozialisation von Menschen, ihrem Werdegang, ihrer Herkunft, ihres Charakters.

Viele Gegebenheiten meines Lebens kann ich zunächst nicht beeinflussen. Ich entscheide nicht, mit welcher Hautfarbe und welchem Geschlecht ich geboren werde; nicht, wieviel Geld meine Eltern besitzen und welche Personen mich großziehen. Ich entscheide nicht, wo ich geboren werde und welche Gesellschaft mich sozialisiert.

Mit der Zeit erhalte ich dann mehr Entscheidungskraft. Ich darf mitentscheiden, auf welche Schule ich gehen will, welchen Sport oder welches Musikinstrument ich lerne und ob überhaupt, welche Bücher und Spielzeuge ich besitze, weil ich sie mir zum Geburtstag wünsche. Dass diese Mitentscheidung und Einflussnahme und ihr Erfolg überhaupt möglich sind, hängt natürlich wiederum von meiner heimischen Gesellschaft und dem Geldbeutel meiner Ernährer*innen ab. Entscheidungsfreiheit und Erfolgserfahrung hängen signifikant mit finanzieller Situation zusammen – so meine Überzeugung. Aber das nur als Einschub.

Ein wesentlicher Standpunkt von Menschen in der Gesellschaft ist ihr Wohnort. Dieser kann fluktuieren oder lebenslang stetig sein. Er kann mit viel emotionaler Bedeutung aufgeladen sein oder nur sekundär relevant für das eigene Leben. Er kann mit dem Gefühl von Heimat gleichgesetzt sein, während Heimat für manche Menschen etwas ganz anderes meint als das unmittelbare räumliche Umfeld. So oder so ist die wesentlichste Interaktion von Menschen im politischen System örtlich rückgebunden – sie gehen wählen. Und zwar auf kommunaler Ebene ihren Stadt- oder Gemeinderat, auf Landesebene ihr Landesparlament und auf nationaler Ebene den deutschen Bundestag, der sie als Teil des (deutschen) Volkes repräsentiert. Meine örtliche Position spielt bei der Wahl eine wesentliche Rolle, bestimmt sie doch den politischen Raum, für den ich Mitspracherecht erhalte. Selbst die Bundestagswahl ist regional konstruiert – die zur Wahl stehenden Parteien erstellen Landeslisten, über die die Abgeordneten in den Bundestag einziehen (daher sind die 16 Landesergebnisse, die eine Partei zu einer Bundestagswahl erlangt, eigentlich auch viel spannender als das Gesamtergebnis). Außerdem hat jede*r Wahlberechtigte zwei Stimmen. Die erste gilt dem Wahlkreis und einer Person, die man über den Wahlkreis als lokale Vertretung in den Bundestag wählen kann. Dabei gilt, dass die Person mit den absolut meisten Stimmen gewinnt. Eigentlich ist dies ein sehr starkes direktdemokratisches Element mit Lokalbezug – de facto gewinnen aber in den allermeisten Fällen die Kandidat*innen der Partei, die im entsprechenden Wahlkreis am stärksten ist. Zweitstimme entscheidet über Erststimme. Doch muss das so sein?

REDE.online entstand, wie so viele Initiativen der letzten Jahre, aus einem besorgten Blick auf den aktuellen Zustand der Debattenkultur, des Wahlverhaltens und der Parteiendemokratie hier in Deutschland. Folgende Vision leitet unsere Arbeit: eine Gesellschaft, die ihre Vielfalt anerkennt und darüber in einen konstruktiven Austausch tritt. Und sich in diesem Austausch eine gemeinsame Verantwortung für politische Herausforderungen entfaltet.

Vielfalt selbst wiederum ist vielfältig. Während so oft politische Lager und soziokulturelle Milieus zu den entscheidenden Kategorien der Differenz erhoben werden, wenden wir den Blick auf den Wohnort der Gesellschaftsmitglieder. Der regionale Hintergrund wird zur Königskategorie – denn in ihm liegt so viel Spannung, so viel Vakanz.

Wohnort gleich Herkunft, gleich Heimat, gleich Verbundenheit? Kann, muss aber nicht. Gleiche Sicht der Dinge innerhalb eines Wahlkreises? Nicht notwendigerweise wahrscheinlicher als zwischen Ahmed aus Flensburg und Zina aus Füssen.

Ist Heimat national bestimmbar? Vielleicht schon, aber nur in der Verhandlung jenseits von politischen Lagern in der Reflexion der lokalen Verwurzelung der Individuen.

Warum lebt jemand dort, wo sie/er wohnt? Lass die Person es Dir erzählen, sie wird es am besten wissen.

Ich sehe im Konzept von REDE.online eine Einzigartigkeit, weil wir den Dialogpartner*innen Regionalität zusprechen. Der Ort, an dem Menschen wohnen, ist identitätsstiftend – auch, wenn er vermeintlich belanglos und austauschbar ist (was landläufig ja oft über eine neue globale Elite geschrieben wird). Geben wir dem Ort, der lokalen Geschichte von Menschen eine Stimme, lassen wir sie beschreiben, wie sich ihr Leben örtlich entfaltet. Nur im menschlichen Narrativ werden Strukturdaten und Tickermeldungen zur Realität, zu dem, was Menschen erleben. Und jetzt greife ich doch nochmal ganz tief in die Phrasenkiste, einen Augenblick…

Make Political Articulation Local Again!

Janne Linder

Janne ist ein Wahlkreiswanderer.