REDE.online möchte einen sichereren Raum für Gespräche online bieten. Dafür nutzen wir ein System, das für unerfahrene Nutzer Chat-Roulette angenehmer und risikofreier macht – und das möchte ich euch hier kurz erklären.

Chat-Roulette

Meistens unterhalten wir uns mit Menschen, die wir kennen. Manchmal wollen wir aber auch mit Menschen reden, die ganz anders sind. Dann gehen wir in die Bar; oder ins Schwimmbad. Dort sind die Menschen teils anders, ein gemeinsames Hobby (Bier trinken, anderen beim Biertrinken zusehen, schwimmen, anderen Menschen beim Schwimmen zusehen) habt ihr und die Menschen, die ihr dort trefft, aber.

Im Internet ist es auch möglich, mit ganz anderen Menschen zu sprechen, die einem zugelost werden. Das ermöglicht Menschen Kontakt mit anderen Menschen, egal ob sie von ferne oder aus der Nähe kommen, ob sie ähnliche Interessen haben oder nicht. Die einzige Gemeinsamkeit, die es noch geben muss, ist, dass ihr beide euch auf ein Chat-Roulette, einen Zufallschat, eingelassen habt.

Das ermöglicht, aus seiner Blase auf verschiedene Weise auszutreten, oft laufen Gespräche aber auch so:

Ich: Hi. Gegenüber: Hi, Sweetie. Are you horny?

Kein schöner Ausgang. Insbesondere für Gruppen, die noch nicht so erfahren in der Durchsetzung ihrer Interessen sind – vor allem Kinder. Die Problematik, sich das Vertrauen von Kindern zu uerschleichen, wird im englischsprachigen Raum auch als “Grooming” (von to groom, ein Pferd striegeln) bezeichnet.

Wir reden mit echt Fremden nie alleine

Im Internet wird uns häufig eine Illusion von Anonymität gegeben – teilweise vielleicht sogar gerechtfertigt. Diese Anonymität lässt Grooming als ein unlösbares Problem erscheinen, welches man mit modernen Methoden (Machine Learning) und einem Meldesystem angehen müsste. Aber beide Methoden haben ihre Probleme: Algorithmische Methoden haben eine Gefahr, Nachvollziehbarkeit und Datenschutz anzugreifen und Fälle von Kindesmisshandlung zeigen immer wieder, dass ein Meldesystem für unangemessene Beiträge und Nachrichten nicht immer Gesprächsteilnehmende sinnvoll schützen kann.

Eine Beobachtung aus dem echten Leben ermöglicht aber eine andere Konstellation und vielleicht eine andere Sicht auf Chat-Roulette:

Wir reden mit echt Fremden nie alleine

“Echt Fremd” heißt hier, dass man die Person in einem Kontext trifft, die Gespräche in einen klar abgegrenzten gemeinsamen Interessenbereich bringt – wir werden einander vorgestellt oder warten auf eine gemeinsam besuchte Veranstaltung. Menschen im Fußballstadion sind sich nicht echt fremd: Sie werden vermutlich über Fußball reden. Plattformen wie musical.ly, die teilweise Probleme mit Grooming hatten, geben keinen so klar abgegrenzten Interessenbereich vor: Die Plattform ermöglicht Musiker*innen, ihre Kreationen zu streamen; technisch ermöglicht es aber erst einmal einfaches, recht anonymes Streaming.

Und wir sind mit echt fremden selten alleine, auch wenn uns weitere anwesende Moderator*innen von Situationen selten auffallen: Demonstranten unterschiedlicher Meinung werden durch die Polizei moderiert, Menschen, die sich gemeinsam Essen holen, haben als dritte Person die Person, die das Essen verkauft, Speed Datings werden durch echte Personen moderiert. Auch weitere Beispiele zeigen: Wir geben echt fremden Menschen weitere Menschen zur Seite, die Gastgeber*innen für das Aufeinandertreffen sind.

Wie funktioniert also Hosting?

Der neudeutsche Begriff bezeichnet genau das: Hosting heißt, Gastgeber für ein Gespräch zwischen Fremden zu sein. Man kann beim Gespräch “zuhören”, also mitlesen, hat aber keine Möglichkeit, sich mit eigenem Text einzuschalten. Man ist beschränkt in seinem Ausdruck auf bestimmte Äußerungen: Das können Gifs (kurze Filmchen), Emojis und neue Leitfragen aus einem Pool von Fragen sein. Damit Hosting gegen Grooming wirksam hilft, darf es aber nicht mehr als das sein. Ein Gespräch, in dem sich ein Host melden darf, ist einfach ein Gespräch von drei Personen. Wenn zwei Menschen zusammen treffen unter Moderation eines Polizisten oder einer Polizistin, kann diese oder dieser auch nicht sagen, was er oder sie möchte ohne seine oder ihre Rolle als Polizistin zu verlassen: Verwaltung und Gesetzgeber haben entschieden, was die Rechte dieser Moderator*innen sind. Auch Lehrerinnen und Lehrer sind durch Gesetz eingeschränkt, was sie ihrer Klasse sagen dürfen und ermöglichen so den Austausch zwischen Fremden.

Hosting ermöglicht teilweise interessante Gespräche – es kann Einwürfe von der Seite geben – aber wichtigerweise schafft es auch eine kleine Öffentlichkeit: Es sieht noch jemand zu, wenn mein Gegenüber mich fragt, ob ich “horny” sei, und diese*r kann genau wie ich ein Signal geben, dass hier etwas schief läuft. Und das schreckt dieses Gegenüber vermutlich und hoffentlich mehr ab.

Und warum sollten Menschen Hosts sein?

Menschen werden Hosts sein aus zwei Gründen: Erstens, es macht Freude, Gespräche zu kommentieren und keinen Inhalt liefern zu müssen. Wer in Telegram Gifs für sich entdeckt hat, der oder die wird die Faszination, Gifs zu schicken. Es kann für viele interessant sein, ein Gespräch zu Leitfragen, die man selbst ausgewählt hat, zu hören. Zweitens ermöglicht das Übernehmen von Verantwortung auch die interessante Rolle des Berichterstatters oder der Berichterstatterin aus Gesprächen. Mit der Möglichkeit des Berichts aus Gesprächen (ohne namentlich zitieren zu können) entsteht eine öffentliche Resonanz zu einem Thema: Der Host kann sich also in einer Rolle des Berichtens selbst ausdrücken.

Das ist also Hosting. In zwei weiteren Blogbeiträgen wollen wir über “Schmökern”, unsere angenehm aufbereitete Regionaldatenbank und “Schreiben”, unseren Leitfragenkatalog und unser Matchingsystem für Menschen, die über ihren lokalen Tellerrand blicken wollen, sprechen.

Andreas Haupt

Andreas mag Computer. Und er findet, dass Staaten etwas Gutes sind.